LESEPROBE

 

Fred Breinersdorfer

HÖHENFLUCH


antiquarisch, Originalausgabe
1992, Rudolf Haufe-Verlag, Freiburg

alle Rechte beim Autor

 

4. Zur Lebensgeschichte


4.1 Kindheit und Jugend


Der Explorand wurde am 4.1.1947 in Berlin geboren. Er ist das erste von zwei Kindern des Ehepaars Tobias und Louise Horn. Seine Mutter ist eine geborene Stein. Der Vater war zum Zeitpunkt der Geburt des ersten Sohnes 26 Jahre alt, die Mutter 24. Der Explorand wurde auf den Namen Gustav katholisch getauft. Er betont, daß er immer noch der Kirche angehöre und nicht wie andere gut Verdienende wegen steuerlicher Vorteile aus der Kirche ausgetreten sei. Der Vater war zum Zeitpunkt der Geburt Rechtsreferendar beim Kammergericht in Berlin, die Mutter Hausfrau. Der Explorand besuchte die Grundschule in Berlin und trat nach Abschluß der 4. Klasse in das Gymnasium ein. Sein jüngerer Bruder, Karl Horn, wurde 1951 geboren.

Bei der Schilderung der familiären Herkunft erscheint es dem Probanden wichtig, darauf hinzuweisen, daß er in eine alte Patrizierfamilie hineingeboren sei. Die Vorfahren des Vaters seien Lehrer, Pastoren und Juristen gewesen. Militärs habe die Familie nicht hervorgebracht, ein Umstand, den der Vater des Probanden stets für wichtig gehalten habe. Eine größere Verwandtschaft der Familie seines Vaters fehle, da die beiden Brüder des Vaters im Krieg gefallen und ohne Nachkommen geblieben seien. Der Vater sei deshalb schon früh ein erklärter Antimilitarist und Pazifist gewesen und habe den Aufbruch in den neuen Staat als begeisterter Demokrat - allerdings ohne Zugehörigkeit zu einer Partei - nachvollzogen. Gespräche über Politik und politische Moral hätten zum Alltag der Familie Horn gehört.

Zu Beginn der 50er Jahre - das genaue Datum kann der Explorand nicht angeben - habe sich der Vater an der Freien Universität in Berlin habilitiert und die venia legendi für Verfassungsrecht und Verwaltungsrecht sowie Verwaltungsverfahrensrecht erworben. 1961 erhielt der Vater des Probanden einen Ruf an die Universität Tübingen, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1987 einen Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Verfassungsrecht innehatte. 1962 sei die Familie nach Tübingen in eine geräumige Wohnung übersiedelt. In der ländlichen Universitätsstadt habe sich der Explorand wohlgefühlt. Im Gymnasium fand er viele Freunde. Er beschreibt die Zeit als "mit die glücklichste in meinem Leben".

Diese Periode endet abrupt. In der Nacht von dem 21. auf den 22. Oktober 1964 streiten die Eltern des Probanden stundenlang. Er und sein Bruder erwachen, versuchen, die Eltern zu beruhigen, werden aber in ihr Kinderzimmer eingeschlossen. Am kommenden Morgen ist die Mutter aus der Wohnung verschwunden. Der Vater, der sonst viele Probleme des täglichen wie politischen Lebens mit den Söhnen erörtert hatte, versuchte den Mantel des Schweigens über die Vorgänge der Nacht zu decken. Für den Probanden wie für seinen Bruder wird der Auszug der Mutter aus der elterlichen Wohnung zu einem vom Probanden als "traumatisch" charakterisierten Erleben.

Der Vater, der in den folgenden Tagen erklärt, die Mutter habe sich von der Familie getrennt, wird für den Probanden zum ersten Mal unglaubwürdig, als dieser, inzwischen 17jährig und selbständig, entdecken muß, daß der Vater sehr viel Mühe darauf verwendet hatte, die Versuche der Mutter, Kontakt zu ihren Söhnen herzustellen, zu unterbinden. Vom Probanden zur Rede gestellt, reagiert der Vater mit einem Wutausbruch. Er habe das erste Mal in seinem Leben seinen Sohn geschlagen. Der Vater, der in den folgenden Jahren in der Öffentlichkeit als moralische Autorität (namentlich im Zusammenhang mit der Studentenbewegung der 68er Jahre gegen den Vietnamkrieg) an seiner Universität in Erscheinung tritt und sich entschieden für Pazifismus einsetzt, verliert für den Probanden vollständig an Glaubwürdigkeit.

Der Explorand beschreibt seine Situationen nach dem Verschwinden der Mutter als "fundamental erschüttert", "Liebe und Zuneigung vermissend" und "orientierungslos". Der Versuch, sich trotz allem dem Vater zuzuwenden und dessen Zuneigung zu erwerben, schlägt fehl. Er habe ("aus heutiger Sicht") sogar die körperliche Nähe zum Vater gesucht, sei aber zurückgestoßen worden.

Nach mehreren Wochen gelang trotz aller Maßnahmen des Vaters die Kontaktaufnahme mit der Mutter und die Aufklärung der Hintergründe des Streits zwischen den Eltern. Die Mutter habe eingestanden, ihren Mann durch ein Verhältnis mit einem um einige Jahre jüngeren Lehrer am Gymnasium betrogen zu haben. Emotional sei der Explorand auf der Seite des Vaters gestanden. Er habe Verständnis für dessen rigorose Haltung gespürt, er habe sich deswegen aber selbst gehaßt, weil der Vater den beiden Söhnen durch seine "alttestamentarische Rache" die Mutter genommen habe.

Der Explorand unternimmt wenige Monate nach der Trennung der Eltern in, wie er es beschreibt, "Komplizenschaft" mit dem Bruder Karl einen Versuch zur Versöhnung der Eltern, welcher aber nach seinen Angaben "dramatisch scheitert", weil sich die Eltern nichts mehr zu sagen haben und die Mutter, für den Vater und die Söhne ersichtlich, mit dem jüngeren Lehrer ein beständiges Lebens- und Liebesverhältnis eingegangen ist.

Nach einer kurzen Phase depressiver Verstimmung und Zurückgezogenheit stürzt sich der Explorand in seine schulischen Pflichten und lernt, nachdem ihm früher viel "spielerisch zugefallen" war, nun hart und diszipliniert zu arbeiten. Er habe damals begonnen, scharf zwischen Freizeit und Schule zu trennen. In der von ihm selbst schmal bemessenen Freizeit habe er eine erste Beziehung zu einer gleichaltrigen Schülerin aufgenommen, mit der er seine ersten sexuellen Erlebnisse gehabt habe.

 


Diktatband zwei, Seite eins


Als ob er es gerochen hätte, daß ich nach diesem nächtlichen Skandal psychisch angeschlagen bin! - Ja, ich muß es mir selbst gestehen, es hat keinen Wert, sich in die Tasche zu lügen, ich bin angeschlagen. Dieses Pflaster auf der Stirn, dieser Nachhall von Kopfschmerzen! Wut, Ärger, Ekel. Das ist meine momentane Gefühlslage. Dazu kommt die Ablenkung durch die Gedanken um das Geld für den Kirchner. Vielleicht ist die Körpersprache in bedrängter persönlicher Lage anders, vielleicht der Gesichtsausdruck, es scheint wirklich so, als habe Herr Lentz irgend etwas gerochen. Ganz Westentaschen-Napoleon, überfiel er mich heute morgen vor einem Meeting ohne jede Ankündigung mit einer exakten Kalkulation. Sie war gründlich vorbereitet, offensichtlich hat dieser Feierabendstratege nur auf den richtigen Moment für seinen Angriff gewartet. Das Fazit des Zahlenwerks: Mit den aufwendigen dezentralen Redaktionen sei das Blatt zu teuer. Erst jenseits einer Auflage von 700.000 Exemplaren sei der break even point erreicht. Nachdem er diese Zahl genüßlich vorgetragen hatte, machte er eine Pause, spitzte die Lippen, rückte an der Brille, seine Zungenspitze erschien für einen kurzen Augenblick, dann sagte er, "ich zweifle, ob Ihnen ein solches Ergebnis auch nur mittelfristig, geschweige denn in absehbarer Zeit gelingt. 700.000 Zeitungen, die müssen erst einmal gekauft werden."

Ein eklatanter Bruch unseres Abkommens.

Dann folgte das "In-die-Augen-Seh-Spiel". Ich bin nicht so gut in Form, ich habe als erster den Blick gesenkt. Ich sagte: "Ich will eine Million verkaufen, nicht weniger." Dabei war mir allerdings nicht wohl in meiner Haut.

 

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